Was ist ein Prosumer?
Der Begriff setzt sich aus Producer und Consumer zusammen. Ein Prosumer ist jemand, der gleichzeitig produziert und konsumiert — der nicht nur aus dem System nimmt, sondern auch einspeist.
Das Konzept ist nicht neu. Alvin Toffler prägte den Begriff bereits 1980 in The Third Wave. Aber erst jetzt — durch den Zusammenfall von Technologiekosten, Dezentralisierung und Vernetzung — wird der Prosumer zur dominanten ökonomischen Figur.
Energie: Das offensichtlichste Beispiel
Wer ein Solarpanel auf dem Dach hat, ist Prosumer. Tagsüber produziert die Anlage mehr Strom als der Haushalt verbraucht. Der Überschuss fließt ins Netz, in eine Batterie, oder wird vom Nachbarn genutzt.
Das ist keine Nischenerscheinung mehr:
- In Deutschland haben über 4 Millionen Gebäude eine PV-Anlage.
- Balkonkraftwerke ermöglichen selbst Mietern die Teilnahme.
- Batteriespeicher machen den Eigenverbrauch unabhängig vom Tageslicht.
- Dynamische Tarife belohnen, wer dann verbraucht, wenn das Netz Überfluss hat — oder dann einspeist, wenn Knappheit herrscht.
Das alte Modell — ein Kraftwerk produziert, Millionen konsumieren — löst sich auf. An seine Stelle tritt ein Netzwerk von Millionen kleiner Produzenten und Konsumenten, die flexibel zwischen beiden Rollen wechseln.
Warum das nicht auf Energie beschränkt bleibt
Die gleiche Logik durchzieht andere Bereiche:
Software und digitale Inhalte
Open-Source-Entwickler sind Prosumer. Sie nutzen Software und schreiben Software. Wikipedia-Autoren konsumieren Wissen und produzieren Wissen. YouTuber schauen Videos und machen Videos. Die Plattformökonomie lebt davon, dass ihre Nutzer gleichzeitig die Produzenten der Inhalte sind.
Lebensmittel
Gemeinschaftsgärten, Solidarische Landwirtschaft, das eigene Hochbeet — alles Formen von Prosumption. Wer sein Gemüse selbst anbaut und den Überschuss mit Nachbarn teilt, ist Prosumer.
Wissen und Bildung
Wer lernt und das Gelernte an andere weitergibt — in Blogs, Tutorials, Meetups, Mentoring — ist Prosumer. Die starre Trennung zwischen Lehrer und Schüler, Experte und Laie, wird durchlässig.
Fertigung und 3D-Druck
Ein 3D-Drucker macht aus jedem Haushalt eine Mikrofabrik. Ersatzteile, Gehäuse, Werkzeuge, Spielzeug — was früher eine Spritzgussmaschine und Tausende Euro Werkzeugkosten erforderte, entsteht heute auf dem Schreibtisch. Plattformen wie Thingiverse oder Printables zeigen das Prosumer-Prinzip in Reinform: Nutzer entwerfen Objekte, teilen die Designs, andere drucken sie, verbessern sie, teilen ihre Varianten. Wer etwas braucht, druckt es. Wer etwas erfindet, stellt es allen zur Verfügung. Die Grenze zwischen Hersteller und Kunde verschwindet.
Mobilität
Carsharing, Mitfahrgelegenheiten, geteilte Lastenräder: Wer sein Fahrzeug teilt, ist nicht mehr nur Nutzer, sondern auch Anbieter von Mobilität.
Was den Wandel antreibt
Drei Kräfte konvergieren:
1. Sinkende Produktionskosten
Solarpanels, 3D-Drucker, Kameras, Mikrofone, Rechenleistung — die Werkzeuge der Produktion werden radikal billiger. Was früher Fabriken, Studios oder Verlage erforderte, passt heute auf einen Schreibtisch oder ein Dach.
2. Vernetzung
Das Internet macht es möglich, Überschüsse zu teilen, zu tauschen, zu verkaufen. Ob Strom, Code, Wissen oder Güter — ein Netzwerk von Prosumern braucht kein zentrales Unternehmen als Vermittler (auch wenn viele Plattformen sich genau diese Rolle greifen).
3. Grenzkosten nahe null
Wenn die Grenzkosten der Produktion gegen null gehen — wie bei erneuerbarer Energie, digitalen Gütern oder Wissen — dann ist die Eintrittsbarriere für den Prosumer praktisch verschwunden. Man muss kein Konzern sein, um zu produzieren.
Was das für die Gesellschaft bedeutet
Die Prosumer-Ökonomie ist nicht nur effizient. Sie ist demokratisch.
Wenn Millionen von Menschen produzieren, statt nur wenige große Unternehmen, verteilt sich wirtschaftliche Macht. Wertschöpfung bleibt regional. Abhängigkeiten schrumpfen. Resilienz steigt.
Das heißt nicht, dass große Strukturen verschwinden. Es wird weiterhin Fabriken geben, Kraftwerke, Konzerne. Aber sie verlieren ihr Monopol auf die Produktion. Sie werden zu Knoten in einem Netzwerk, nicht zu Spitzen einer Pyramide.
Die Widerstände
Natürlich gibt es Gegenwind:
- Regulierung, die auf zentrale Akteure zugeschnitten ist und Prosumer als Störfaktor behandelt.
- Konzerne, die ihr Geschäftsmodell bedroht sehen und Lobby-Arbeit gegen dezentrale Strukturen betreiben.
- Komplexität, denn ein System aus Millionen Produzenten braucht intelligente Koordination — Netze, Protokolle, Standards.
- Ungleichheit, denn nicht jeder hat ein Dach, einen 3D-Drucker oder die Zeit, zum Prosumer zu werden. Die Frage, wer teilhaben kann und wer nicht, bleibt politisch.
Das Fazit
Die Zukunft gehört nicht dem passiven Konsumenten, der nimmt, was ihm angeboten wird. Und sie gehört nicht dem monopolistischen Produzenten, der bestimmt, was verfügbar ist.
Sie gehört dem Prosumer — dem Menschen, der beides ist. Der Strom erzeugt und verbraucht. Der Wissen teilt und empfängt. Der baut und nutzt.
Die Werkzeuge sind da. Die Kosten sinken. Die Netze stehen.
Die Frage ist nicht ob diese Zukunft kommt. Die Frage ist, ob wir sie gestalten — oder ob wir sie den Plattformen überlassen, die sich als neue Mittelsmänner zwischen die Prosumer drängen.