Zwei Entscheidungen, zwei Maßstäbe
Stell dir zwei Nachbarn vor. Beide stehen vor einer Investition.
Der eine überlegt, eine Solaranlage auf sein Dach zu setzen. Er rechnet. Anschaffungskosten, Einspeisevergütung, Eigenverbrauch, Degradation der Module, Zinsen auf das eingesetzte Kapital. Er erstellt Tabellen. Er will wissen: Wann hat sich das gerechnet? Nach zehn Jahren? Nach zwölf? Lohnt sich das überhaupt?
Der andere kauft sich einen SUV. Zwei Tonnen Leergewicht, Verbrauch im zweistelligen Literbereich oder – wenn elektrisch – mit einem Akku, der so groß ist wie die Solaranlage des Nachbarn. Hat er gerechnet? Hat er den Wertverlust kalkuliert, die Versicherung, den Kraftstoff, die Reifen, die schneller verschleißen, die Parkplätze, die nicht passen? Wahrscheinlich nicht. Es hat sich richtig angefühlt.
Das ist kein Randphänomen. Es ist der Normalfall.
Rechnen, wo es wehtut — fühlen, wo es gefällt
Der Widerspruch ist so offensichtlich, dass man ihn fast übersieht. Bei der Solaranlage wird eine Genauigkeit verlangt, die man bei kaum einer anderen Anschaffung im Leben anlegt. Jede Kilowattstunde wird durchgerechnet, jeder Cent Einspeisevergütung bewertet, jede Wolke über dem Dach eingepreist. Die Solaranlage muss sich beweisen — finanziell, ökologisch, technisch.
Beim Auto hingegen reichen weiche Argumente. Man braucht den Platz. Man fühlt sich sicher. Man fährt ja auch mal in den Urlaub. Die Kinder. Der Hund. Die Straßenverhältnisse.
Dass ein SUV im Schnitt 20 bis 30 Prozent mehr Energie verbraucht als ein vergleichbares konventionelles Fahrzeug — egal ob Verbrenner oder Elektro — wird nicht gerechnet. Dass der Wertverlust eines Neuwagens in den ersten drei Jahren oft höher ist als die gesamte Investition in eine Solaranlage — wird nicht gerechnet. Dass die laufenden Kosten über die Lebensdauer den Kaufpreis um ein Vielfaches übersteigen — wird nicht gerechnet.
Aber die Solaranlage — die muss sich amortisieren.
Warum wir so ticken
Das ist kein Zufall und keine Dummheit. Es ist menschlich. Dahinter stehen gut erforschte psychologische Mechanismen.
Solaranlagen sind Investitionen. Autos sind Konsum. Und an Investitionen legen wir andere Maßstäbe an als an Konsum. Eine Investition soll sich rechnen — das ist der ganze Zweck. Konsum hingegen darf kosten. Er soll Freude machen, Identität stiften, Status signalisieren. Dass ein SUV in Wahrheit auch eine Investition ist — eine sehr schlechte, mit negativer Rendite — wird ausgeblendet. Er steht in der mentalen Buchhaltung unter „Lebensqualität”, nicht unter „Kapitalanlage”.
Das Auto ist ein Statussymbol. Die Solaranlage nicht. Niemand wird auf einer Party gefragt: „Und, wie viel kWp hast du auf dem Dach?” Aber das Auto steht in der Einfahrt. Es wird gesehen. Es wird bewertet. Es erzählt eine Geschichte über seinen Besitzer — oder zumindest die Geschichte, die der Besitzer erzählen möchte. Groß, sicher, erfolgreich. Die Solaranlage erzählt bestenfalls: sparsam. Und sparsam ist in unserer Kultur kein Kompliment.
Verluste wiegen schwerer als Gewinne. Die Verhaltensökonomie nennt das Loss Aversion. Die Angst, mit der Solaranlage einen Fehler zu machen — das Geld nicht zurückzubekommen — wiegt schwerer als die Chance, über 20 Jahre Geld zu sparen. Beim Auto gibt es diese Angst nicht, weil der Verlust als unvermeidlich akzeptiert wird. Autos verlieren nun mal an Wert. Das ist „normal”. Eine Solaranlage, die sich nicht rechnet, hingegen wäre ein Fehler.
Gewohnheit schlägt Vernunft. Autos zu kaufen — auch große, auch teure — ist kulturell eingeübt. Es gibt Autohäuser, Probefahrten, Werbung, Finanzierungsmodelle, einen ganzen gesellschaftlichen Apparat, der diese Entscheidung einfach und selbstverständlich macht. Solaranlagen hingegen sind für viele noch Neuland. Unbekanntes erzeugt Unsicherheit. Und Unsicherheit erzeugt den Wunsch nach Absicherung — nach Amortisationsrechnungen, Garantien, Gutachten.
Die Zahlen, die niemand hören will
Machen wir das, was beim SUV nie gemacht wird — rechnen.
Ein typischer Mittelklasse-SUV kostet in der Anschaffung zwischen 40.000 und 60.000 Euro. Die Gesamtkosten über zehn Jahre — mit Wertverlust, Kraftstoff oder Strom, Versicherung, Wartung, Reifen, Steuern — liegen schnell bei 80.000 bis 100.000 Euro. Die „Rendite” dieser Investition ist negativ. Stark negativ. Was bleibt, ist ein zehn Jahre altes Auto, das vielleicht noch 10.000 Euro wert ist.
Eine typische Solaranlage für ein Einfamilienhaus kostet zwischen 10.000 und 20.000 Euro. Sie produziert über 20 bis 25 Jahre Strom, spart je nach Eigenverbrauch und Einspeisevergütung insgesamt oft das Doppelte bis Dreifache der Investition ein. Die Rendite liegt — je nach Rahmenbedingungen — bei 5 bis 10 Prozent pro Jahr. Ohne Spekulation. Ohne Risiko. Durch Sonnenlicht.
Und trotzdem wird beim SUV nicht gerechnet und bei der Solaranlage jeder Cent umgedreht.
Es geht nicht um Logik
Wer diesen Widerspruch als logisches Problem behandelt, versteht ihn nicht. Es ist kein logisches Problem. Es ist ein kulturelles, ein emotionales, ein identitätspolitisches.
Wir leben in einer Gesellschaft, die Konsum belohnt und Sparsamkeit belächelt. Die Freiheit mit Größe verwechselt und Vernunft mit Verzicht. In der ein Auto ein Versprechen ist — auf Unabhängigkeit, Sicherheit, Abenteuer — und eine Solaranlage eine Rechenaufgabe.
Das ändert sich. Langsam. Bei manchen.
Aber der Widerspruch wird erst dann verschwinden, wenn wir aufhören, bei Solaranlagen wie Buchhalter zu denken und bei Autos wie Träumer. Wenn wir anfangen, bei beiden Entscheidungen dieselbe Frage zu stellen:
Was kostet das wirklich — und wem?
Denn die Kosten des SUV trägt nicht nur der Besitzer. Sie tragen alle. In Form von Emissionen, Flächenverbrauch, Lärm, Ressourcenverschwendung und einer Infrastruktur, die sich um das größte Fahrzeug herum dimensionieren muss, statt um die klügste Lösung.
Die Solaranlage hingegen erzeugt einen Nutzen, der über den Besitzer hinausgeht. Jede Kilowattstunde, die vom eigenen Dach kommt, muss nicht aus Gas, Kohle oder Uran erzeugt werden. Sie entlastet das Netz, senkt den Strompreis und reduziert Emissionen — auch für den Nachbarn, der noch rechnet.
Vielleicht die falsche Frage
Vielleicht ist „Wann amortisiert sich meine Solaranlage?” gar nicht die interessante Frage.
Die interessante Frage wäre: Wann amortisiert sich mein SUV?
Die Antwort ist: nie.